"Der Süden" mit Dieter Richter

Die vier Himmelsrichtungen sind nicht nur abstrakte Fixpunkte, die der geographischen Orientierung dienen. Sie sind, mit den Worten des Literaturhistorikers Dieter Richter, „immer auch geistige Raumkonstruktionen, Weiser auf der Windrose der Zivilisation, Koordinaten einer mentalen Geographie“ (Richter 2009, S. 9). Schon in der Sprache nimmt die Emblematik der Himmelsrichtungen Gestalt an und verweist in Begriffen wie „Nordlicht“, „Südsee“, „Westernheld“ oder „Ostpolitik“ auf breit gespannte Assoziationsräume, deren Inhalte kulturhistorisch aufgeladen und entsprechend zu erschließen sind.
So kann auch die europäische Kulturgeschichte vor dem Hintergrund des Konzeptes der vier Himmelsrichtungen betrachtet und gedeutet werden. Mit ihm verbinden sich über die rein topographische Orientierung hinaus kulturelle und spirituelle Vorstellungen, die sich zu einer Mythologie der Himmelsrichtungen verdichten lassen. Diese hat, ausgehend von einem gedachten Zentrum der Erde im Mittelmeerraum, ihre Wurzeln in der Antike und pflanzt sich durch das Mittelalter fort bis in die Gegenwart. Osten und Westen, Süden und Norden – diese Vorstellungsräume waren und sind über die Jahrhunderte hinweg beständig sich erneuernden semantischen Bestimmungen unterworfen und können die unterschiedlichsten Befindlichkeiten evozieren.
Die Veranstaltungsreihe will die (Bedeutungs-)Geschichte der Himmelsrichtungen beleuchten und die kulturellen, sozialen, politischen und geographisch-räumlichen Kontextbedingungen in den Blick nehmen, denen die Entstehung und Verstetigung dieses Paradigmas zu verdanken sind.

 

Dieter Richter war von 1972 bis zu seiner Emeritierung 2004 Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen. Methodischer Ausgangspunkt seiner neueren Arbeiten ist ein integrativer Begriff von Kulturgeschichte, in dem Betrachtungsweisen der Literatur- und Kunstgeschichte, der Ethnologie und der materiellen Geschichtsschreibung verschmelzen. Richter beschreibt den Süden als Sehnsuchtsort, dorthin zeigt bis heute die „Kompassnadel des Glücks“. Der Süden ist die Sonne, und man wendet nach wie vor einige Mühen auf, den Süden irgendwie in den Norden zu kriegen.



 

 

Datum: Donnerstag, 19. Januar 2012

Uhrzeit: 19.30 Uhr
Ort: Ludwig Forum für Internationale Kunst

Eintritt: entspricht dem Museumseintritt