Nächsten Sommer

„Marc meint, Ordnung sei Bernhards Religion – und dass er bestimmt früher seine Scheiße nicht angucken durfte.“

In diesem Frühjahr erscheinen – wie in jedem Frühjahr – zahllose Romane, die sich mit der Mitt- bis Enddreißiger-Generation befassen und in einer endlosen Aneinanderreihung von Klischees diese Menschen und ihre vermeintliche Rat- und Ziellosigkeit beleuchten. Aber - ganz ehrlich - so viel Drama und Herzschmerz, wie die Autoren ihren armen Protagonisten aufhalsen, hat in – fast - keinem Leben Platz.

Edgar Rai geht da wesentlich eleganter ran: Seine drei Helden, Felix, Marc und Bernhard, sind keineswegs orientierungslos, sie hadern nicht in endlosen, selbstzerstörerischen Gedankenkarussells mit sich und ihrem Leben, sondern sie leben einfach drauflos, mal ziemlich gut, mal mit eindeutigem Verbesserungspotenzial, aber immer mit der Gewissheit, jeweils zwei dicke Freunde zu haben, auf die man sich im Notfall verlassen kann. Nur: Noch nicht einmal einen richtigen Notfall gibt es in dieser Geschichte. Sie fahren einfach so drauf los, denn einer von Ihnen hat ein Haus in Frankreich geerbt. Am Meer. Dass auf dieser Reise einiges passiert, mal Komisches, mal Trauriges, versteht sich von selbst. Ein bisschen drängt sich an diesem Punkt wohl die Frage auf: „Wozu dieses Buch – wo doch nix passiert?“. Ich sage Ihnen, wozu: Um eine unaufgeregte Geschichte jenseits aller tiefenpsychologischen Dramen zu lesen, um noch vor Antritt der Sommerreise würzige, südfranzösische Luft zu schmecken, um ein wenig über Liebe und Freundschaft nachzudenken und nicht zuletzt, um sich an der schön unprätentiösen Sprache zu erfreuen. Hoffentlich schreibt Edgar Rai noch einmal ein Buch. Nächsten Sommer.
Gabi Lukomski

 

Edgar Rai
Nächsten Sommer
236 Seiten, Klappenbroschur, 16,95€
Gustav Kiepenheuer im Aufbau Verlag